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3.6. 2022

Es braucht wirksame Klimaschutzmassnahmen in der Agrarpolitik

Es braucht wirksame Klimaschutzmassnahmen in der Agrarpolitik

Für die nationale Agrarpolitik besteht die Klimastrategie aus dem Jahr 2011. Daraus wurden zwar mögliche Handlungsfelder und Visionen abgeleitet, aber bisher keine Massnahmen verabschiedet. Der Entwurf für die nationale Klimastrategie liegt Vision Landwirtschaft vor.  Der Massnahmenplan dazu wird aktuell vom BLW und einer Begleitgruppe ausgearbeitet. Abschluss und die Publikation beider Teile ist Ende 2022 vorgesehen. In der nationalen Agrarpolitik ist das Ziel klar definiert: Der Treibhausgas-Fussabdruck in Bezug auf die Ernährung soll um mindestens zwei Drittel reduziert werden bis 2050. Das ist kein besonders ambitioniertes Ziel, aber um es überhaupt zu erreichen, braucht es rasche, umsetzbare und wirksame Massnahmen. Die Entwicklung der landwirtschaftlichen Treibhausgas-Emissionen zeigt, dass die Ziele aktuell verfehlt werden. Es sind somit zusätzliche Anstrengungen nötig, um die Emissionen wieder auf Kurs zu bringen.

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Situation in den Kantonen

In einigen Kantonen, wurden bereits einige Massnahmen zum Klimaschutz in der Landwirtschaft verabschiedet. Interessant ist, dass dort die landwirtschaftlichen Massnahmen einen breiten politischen Konsens erreichen. Diese Massnahmen gehen in verschiedene Richtungen und daher bietet sich ein Vergleich der kantonalen Klimastrategien an (Tabelle Klimaschutz in den Kantonen Vision Landwirtschaft). 

Die meisten Kantone haben in ihren Klimastrategien den Bereich Landwirtschaft anders behandelt als die Bereiche Mobilität und Wohnen. Die Zielvorgaben sind weniger streng. Auffällig ist, dass einige Kantone auch Massnahmen zu Ernährung und Konsum verabschiedet haben, andere hingegen verfolgen einen rein technischen Ansatz, die Treibhausgase auf den Betrieben zu reduzieren. Die meisten der Kantone verfolgen zudem Anpassungsmassnahmen an die bereits heute akuten Probleme der Landwirtschaft durch den Klimawandel, die jedoch keine Senkung der Emissionen bringen. In Kantonen mit hohen Tierbeständen ist eine Senkung der Emissionen jedoch nur möglich, wenn die Tierbestände reduziert werden. Dies wiederum ergibt nur Sinn, wenn gleichzeitig das Ernährungsverhalten der Konsument:innen sich anpasst, weil sonst einfach mehr tierische Produkte importiert werden. Im Kanton Luzern wird auch die Massnahme «Tierbestände reduzieren» vom Luzerner Bäuerinnen und Bauernverband mitgetragen.

 

Spezialfall Graubünden

Im interkantonalen Vergleich wurden im Kanton Graubünden die ehrgeizigsten und konkretesten Klimaschutz-Ziele für den Bereich Landwirtschaft beschlossen (s. Tabelle Vision Landwirtschaft). Am 3.Mai 2022 wurde der Bericht Treibhausgase aus der Bündner Landwirtschaft präsentiert, in dem die Resultate und Erkenntnisse aus der Klimabilanzierung von 52 Pilotbetrieben vorgestellt werden. Bezüglich der analysierten Betriebszweige und Anbaumethoden kommt der Bericht zum Schluss, dass aus systemischer Perspektive insbesondere eine standortangepasste Tierhaltung erfolgsversprechend ist. Dies bedeutet: Tierhaltung ausschliesslich auf Flächen, die nicht für den Anbau von Kulturen für die direkte menschliche Ernährung geeignet sind (Feed-no-Food). Im Rahmen einzelner Betriebszweige liegt hingegen ein grosses Potential im Bereich der Hofdüngersysteme und im Humusaufbau. Die Autor:innen halten fest, dass die gegenwärtig verfügbaren Handlungsoptionen nicht ausreichen werden, um eine «klimaneutrale» Landwirtschaft zu erreichen.

 

Nationale Agrarpolitik

Die Treibhausgasemissionen aus der schweizerischen Land- und Ernährungswirtschaft wurden auch von der Agroscope untersucht. Sie haben die technischen Lösungen analysiert und zeigen auf, dass die Emissionsreduktion in der Produktion mit technischen Möglichkeiten begrenzt ist. Die Studie zeigt, dass mit einem veränderten Konsumverhalten viel mehr Emissionen eingespart werden können. Die Reduktion des Konsums von tierischen Produkten ist dabei der entscheidende Hebel.

Im Entwurf zur Klimastrategie des BLW wird der Ansatz der gleichzeitigen Veränderung von Konsum- und Produktionsmustern wie folgt beschrieben: «Mit einer Ernährung, welche sich an den Empfehlungen der Schweizer Lebensmittelpyramide ausrichtet, können neben der Förderung der Gesundheit der Bevölkerung gleichzeitig der Treibhausgas-Fussabdruck der Ernährung sowie weitere negative Umweltwirkungen mehr als halbiert werden. Die Produktion passt sich dahingehend an, dass die ackerfähigen Flächen für die direkte menschliche Ernährung genutzt und die verbleibenden Tiere mit Gras der natürlichen und nicht-ackerfähigen Grünlandflächen sowie Abfällen aus der Lebensmittelproduktion versorgt werden. Insgesamt könnte so bei gleichbleibender Bevölkerungszahl der Selbstversorgungsgrad um 20 Prozentpunkte anwachsen.»

 

Es braucht griffige Massnahmen

Gemäss Pyramide essen wir heute dreimal zu viel Fleisch. Um das zu ändern, müssen zuerst einmal die Fehlanreize in der Agrarpolitik beseitigt werden und die Produktion von pflanzlichen Produkten mehr Förderung erhalten. Kostenwahrheit bei den Lebensmitteln führt den Konsument:innen die wahre Gewichtung der Nahrung vor Augen. Zudem braucht es eine konsequente Nutzung der ackerfähigen Flächen für die direkte menschliche Ernährung. Weitere Massnahmen wie Lenkungsabgaben auf importierte Futtermittel und Reduktion der Tierbestände sind nötig. Interessant wird es nun sein, ob die Entscheidungsträger:innen und auch die Bevölkerung bereit sein werden, die deutlichen Resultate aus Forschung und Pilotprojekten umzusetzen. Damit Massnahmen in der Ernährung auch Wirkung zeigen, braucht es einen umfassenden Einbezug der Bevölkerung und der gesamten Wertschöpfungskette vom landwirtschaftlichen Betrieb über die Verarbeiter, den Handel bis zu den Konsument:innen. Projekte wie der nationale Bürger:innenrat für Ernährungspolitik können dazu einen Beitrag leisten. Entscheidend sind aber die Massnahmen aus der Agrarpolitik, denn die zukünftige Entwicklung der Treibhausgas-Emissionen aus der Landwirtschaft ist abhängig davon, ob Vorschriften und eine Verstärkung der Anreizprogramme in der Agrarpolitik etabliert werden können.

 


Quellen:         

Treibhausgasemissionen aus der schweizerischen Land- und Ernährungswirtschaft, - Bretscher et al. (2014)

https://www.agrarforschungschweiz.ch/2014/11/treibhausgasemissionen-aus-der-schweizerischen-land-und-ernaehrungswirtschaft/

https://www.blw.admin.ch/blw/de/home/nachhaltige-produktion/umwelt/klima.html

https://www.weltagrarbericht.de/themen-des-weltagrarberichts/klima-und-energie.html

https://www.klimabauern.ch/news-meldung/treibhausgase-aus-der-buendner-landwirtschaft

https://2019.agrarbericht.ch/de/umwelt/klima/treibhausgasemissionen-aus-der-landwirtschaft