Wer bestimmt die Agrarforschung? Der Einfluss von Bauernverband, Politik und Wirtschaft
Eine staatlich finanzierte Agrarforschung sollte nicht nur höhere Erträge und effizientere Produktion im Blick haben. Sie sollte ebenso dem Schutz von Boden, Wasser, Biodiversität und damit dem öffentlichen Interesse dienen.
Text: Rebecca Knoth-Letsch Fotos: Vision Landwirtschaft
Illustration/Collage: Iris Staudecker
Im Interview mit dem langjährigen FiBL-Direktor Urs Niggli spricht Vision Landwirtschaft über Machtverhältnisse in der Schweizer Agrarforschung.
Urs Niggli ist ein Schweizer Agrarwissenschaftler aus Olten, der als einer der prägenden Köpfe des biologischen Landbaus gilt. Er studierte Agrarwissenschaften an der ETH Zürich und leitete von 1990 bis März 2020 das Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL) in Frick. Unter seiner Leitung wuchs das Institut stark und entwickelte sich zu einem international vernetzten Zentrum für Bio-Forschung. Seit 2020 ist er unter anderem als Präsident des Instituts für Agrarökologie tätig.
Wie haben Sie die Entwicklung seit Ihrem Anstellungsbeginn beim FiBL bis zur Pensionierung erlebt?
Am Anfang stand das FiBL in Opposition zur bestehenden Agrarforschung und im Widerspruch zur Agrarpolitik. Die eidgenössischen Forschungsanstalten (heute Agroscope) und die ETH waren dem Biolandbau gegenüber feindlich gesinnt. Das FiBL arbeitete aber stets wissenschaftlich sauber, und das BLW begann uns zu unterstützen und wir erhielten ab 1990 alle 2-3 Jahre mehr Geld.
Das klingt nach einer positiven Entwicklung!
Ja, die Entwicklung war extrem positiv. Der Bio-Landbau wurde eine Art Schutzzone. Alle fanden ihn sympathisch.
Wie hat die Agroscope auf die wachsende Konkurrenz um Forschungsgelder reagiert?
Agroscope stieg aus wirtschaftlichen, aber auch inhaltlichen Gründen ebenfalls in die Forschung zum Bio-Landbau ein. Die beiden Institutionen haben sich im Verlaufe der Zeit stark angenähert. Agroscope Reckenholz verlor sein Image als «Giftmühle» und wurde zum Kompetenzzentrum für Landschaft und Umwelt.
Was meinte die Landwirtschaftsbranche dazu?
«Zunehmend irrelevant! Wir brauchen keine Blüemli-Forschung», fand der Zürcher Bauernverband unter der damaligen Leitung von Hans Frei diese Art von Forschung. Es gab heftigste Attacken, die dazu führten, dass der Agroscope-Rat neu besetzt wurde. Die Landwirtschafts-Vertreter wurden viel stärker eingebunden. (Siehe Box)
Info-Box: Zusammensetzung des Agroscope Rats
Der Agroscope-Rat zählt 12 Mitglieder. In der offiziellen Zusammensetzung sind 4 Sitze der landwirtschaftlichen Praxis, 3 der Forschung und 3 der Bundesverwaltung zugeordnet; 2 Personen nehmen ohne Stimmrecht teil. Insgesamt ist die Produktionsseite klar stärker vertreten als Umwelt- und Ökologieinteressen. Vertreten sind vor allem Landwirtschaft, Agrar-Verbände, Forschung und Verwaltung. Stimmen, die Naturschutz, Biodiversität oder Konsument:innen vertreten, fehlen weitgehend.
Agroscope betreibt Forschungsstandorte in Poiseaux (FR), Changins (VD) und Reckenholz (ZH). Das Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL) ist in Frick (BL) stationiert.
Das gesamte Forschungsbudget des Bundes für das Jahr 2026 beläuft sich für Agroscope über ein Gesamtbudget von rund 195 Millionen Franken.
Das gesamte Forschungsbudget des Bundes für das Jahr 2026 beläuft sich für das Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL) auf total 14 Millionen Franken
Welche Bedeutung hat die Zusammensetzung eines Gremiums wie z.B. des Agroscope-Rats oder des FiBL-Stiftungsrats für Prioritätensetzung und Mittelverteilung in der Agrarforschung?
Diese Gremien haben schon Einfluss. Darum ist es wichtig, dass sie die verschiedenen Interessen ausgewogen kommunizieren. Landwirtschaftliche Forschung ohne Kontakt zur Branche kann ich mir nicht vorstellen. Andererseits haben Interessen, die nicht ökonomisch gesteuert sind (wie zum Beispiel Biodiversität, Bodengesundheit oder Wasser), keine Branchenvertreter. Es fehlt also eine Lobby für die nicht-kommerziellen Bereiche, sowohl bei Agroscope wie auch bei FiBL.
Hat sich denn die Balance zwischen produktionsorientierter Forschung und Umweltthemen verschoben?
Ja, in den letzten 10 Jahren gab es wieder eine starke Verschiebung zu Gunsten der produktiven Landwirtschaft. Wir haben das Problem, dass wir weder global noch in der Schweiz gelöst haben: Wie ernähren wir mehr Menschen nachhaltig? Das entbindet uns aber nicht davon, die natürlichen Ressourcen Boden, Luft, Wasser und Biodiversität zu schützen.
Lassen Sie uns ein konkretes Beispiel betrachten. Nährstoffüberschüsse: Wird aus Ihrer Sicht eher an technischen Symptomen gearbeitet, etwa an besseren Ausbringmethoden oder präziser Düngung? Oder nimmt die Forschung auch die strukturellen Ursachen in den Blick, etwa Tierbestände, Futterimporte und die regionale Überlastung mit Gülle und Mist?
Mein Credo ist seit 20 Jahren das gleiche: Wir dürfen nicht so viele Tiere halten – weder in der Schweiz noch in Europa. Für die Wiederkäuer Rind und Schaf bedeutet das 90 bis 100 % Grasfütterung, für Schweine und Hühner bedeutet das eine Fütterung auf den Nebenprodukten des Getreide- und Ölsamenanbaus und allenfalls auf die Verwertung von anderen organischen Abfällen. Das ergibt Tierzahlen, welche nicht zu Nährstoffüberschüssen führen. Wir sollten deshalb unsere Ernährung anpassen und weniger Fleisch essen. Aber wer das zu laut sagt, wird angegriffen. In der Folge wird diese Problematik nie offen diskutiert, auch in der Forschung zu wenig.
Wie frei ist die Schweizer Agrarforschung heute darin, unbequeme Ergebnisse zu kommunizieren, die den Brancheninteressen widersprechen?
Wir neigen dazu, uns auf die Schultern zu klopfen – auch in der Forschung. Dabei haben wir die Stickstoffprobleme, die Biodiversitätsdefizite und die hohe Pestizidbelastung in der Schweiz nicht gelöst. Alles in allem haben wir in der Schweiz auch im internationalen Vergleich eine sehr Input-intensive Landwirtschaft und dies trotz hoher Direktzahlungen! Die Forschung müsste dies viel offensiver ansprechen!
Was würden Sie Politik und Öffentlichkeit mitgeben, damit die Schweizer Agrarforschung stärker als unabhängige Wissensinstitution wahrgenommen und genutzt wird?
Es ist eine Schwäche der Agrarforschung, dass sie den Dialog mit der Bevölkerung zu wenig sucht. Leider ziehen sich viele Wissenschaftler von der Öffentlichkeit zurück und der ökonomische Druck auf den Institutionen ist hoch. Trotzdem sollte man den Leuten in einfachen Botschaften erklären, warum ihre Ernährung einen unmittelbaren Einfluss auf die Landwirtschaft hat. Und ihnen aufzeigen, wie es wirklich um die Schweizer Landwirtschaft steht, aber auch, dass die Gesellschaft die Ernährung umdenken muss.
Haltung Vision Landwirtschaft zu Unabhängiger Agrarforschung
Wem dient die Agrarforschung?
Eine staatlich finanzierte Agrarforschung sollte nicht nur höhere Erträge und effizientere Produktion im Blick haben. Sie sollte ebenso dem Schutz von Boden, Wasser, Biodiversität und damit dem öffentlichen Interesse verpflichtet sein.
Das Interview mit Urs Niggli macht deutlich, wie stark die Zusammensetzung von Forschungsgremien die Ausrichtung der Agrarforschung beeinflusst. Der Austausch mit der landwirtschaftlichen Praxis wird gern als Stärke verkauft. Problematisch wird es dort, wo Interessen dominieren, die vom Status quo profitieren. Wenn es also vor allem um Ertragssteigerung, Intensivierung und technische Optimierung geht und systemkritische Fragen in den Hintergrund geraten, sollten wir als Gesellschaft hellhörig werden.
Im Zentrum dürfen nicht nur technische Lösungen und Detailoptimierungen stehen. Es braucht Raum für die grundlegenden Fragen: Warum gibt es weiterhin hohe Nährstoffüberschüsse? Weshalb nimmt die Biodiversität trotz milliardenschwerer Direktzahlungen ab? Wie gehen wir mit hohen Tierbeständen, Pestizidbelastung und Futterimporten um?
Diese Fragen betreffen längst nicht mehr nur die Landwirtschaft. Sie hängen direkt mit unserem Ernährungssystem und unserem (Fleisch-)Konsum zusammen – also mit Entscheidungen, welche die ganze Gesellschaft betreffen.
Gerade deshalb braucht es eine Agrarforschung, die unabhängig von sektoralen Interessen agiert und auch unbequeme Erkenntnisse transparent kommuniziert. Dafür braucht es ausgewogen zusammengesetzte Gremien. Das heisst konkret, dass es neben (land-)wirtschaftlichen Akteuren auch NGOs braucht, welche Umwelt, Boden, Wasser und gesellschaftliche Perspektiven vertreten.
Agrarforschung ist kein Nischenthema. Sie prägt mit, wie sich die Landwirtschaft in der Schweiz entwickelt. Umso wichtiger ist auch eine verständliche und ehrliche Kommunikation zwischen Forschung und Bevölkerung. Die Steuerzahlenden sollen verstehen, wie es um «ihre» Landwirtschaft steht und welche Rolle ihre eigenen Alltagsentscheidungen dabei spielen.
Rebecca Knoth-Letsch
Geschäftsführerin
Die Landwirtschaft ermöglicht uns ein gutes Leben, indem sie Nahrungsmittel produziert. Gleichzeitig trägt sie eine grosse Verantwortung für unsere Lebensgrundlagen.