«Milchschwemme 2026: Warum zu viel Milch produziert wird – und was jetzt schiefläuft»
Die Schweizer Milchwirtschaft steckt in der Krise. Es wird mehr Milch produziert, als verarbeitet oder verkauft werden kann. Molkereien sind überlastet, Lager voll – und erstmals steht sogar im Raum, dass Milch vernichtet werden muss, weil sie niemand abnehmen kann. Vision Landwirtschaft sieht die Ursachen dafür nicht bei einzelnen Betrieben, sondern im System.
Zu viel Milch – trotz tieferer Preise
Bereits Ende 2025 lieferten die Milchbauern bis zu 10 Prozent mehr Milch ab als im Jahr zuvor. Die BOM (Branchenorganisation Milch) – das ist das Gremium von Produzenten, Verarbeitern und Handel – reagierte mit einer Preissenkung: Der sogenannte A-Richtpreis (das ist der empfohlene Preis für Milch, die im Inland für hochwertige Produkte wie Käse verwendet wird) wurde um 4 Rappen auf 78 Rappen pro Kilo gesenkt. Zusätzlich empfiehlt die BOM, Milchmengen zu bestrafen, die mehr als 5 Prozent über der Vorjahresmenge liegen. Doch diese Signale kommen zu spät oder wirken zu schwach. Der Grund: Viele Betriebe haben in den letzten Jahren viel Geld in neue Ställe und Technik investiert. Diese Fixkosten laufen unabhängig vom Milchpreis weiter. Kurzfristig reagieren Betriebe deshalb kaum auf sinkende Preise – Ökonomen sprechen von einer geringen Preiselastizität. Gleichzeitig melden Molkereien eine Kapazitätsauslastung an der Obergrenze. Wartungsarbeiten stehen an, und im Extremfall droht ein vorübergehender Abnahmestopp.
Droht Milchvernichtung?
Mehrere Medien stellen inzwischen offen die Frage: Müssen bald Tausende Liter Milch entsorgt werden? Tanklastwagen stehen vor Molkereien, weil nicht alles verarbeitet werden kann. Für ein Land, das Lebensmittelverschwendung vermeiden will, ist das ein alarmierendes Signal. Woher kommt das Problem? Ein zentraler Wendepunkt war das Jahr 2009. Damals wurde die Milchkontingentierung abgeschafft. Früher durfte jeder Betrieb nur eine festgelegte Menge Milch produzieren. Seit 2009 gilt: Wer will, kann mehr produzieren. Grundsätzlich ist diese Freiheit nicht falsch. Sie könnte den Markt flexibler machen. Doch gleichzeitig blieben andere Regeln bestehen – und genau das führt heute zu Problemen.
Fehlanreize im System
Vision Landwirtschaft sieht mehrere Faktoren, die zu Überproduktion führen:
- Staatliche Beiträge für Stallbauten
Jährlich fliessen 80 bis 90 Millionen Franken an sogenannte Strukturverbesserungsbeiträge. Diese Gelder fördern oft grössere Ställe und mehr Tiere, nicht aber automatisch eine effizientere oder nachhaltigere Produktion. (siehe auch unser letzter Newsletter: Zwischen Wachstum und Schuldenfalle – wohin steuert die Schweizer Landwirtschaft? - Vision Landwirtschaft) - Günstiges Kraftfutter
Kraftfutter (meist importiertes Tierfutter wie Soja oder Getreide) wird indirekt begünstigt. Das macht eine intensive Hochleistungsproduktion attraktiv – zulasten von Weidegang und Futter aus dem eigenen Betrieb. - Grenzschutz beim Käse
Der Binnenmarkt wird durch den Grenzschutz geschützt, lässt aber Milchüberschüsse in den ungeschützten Export fliessen – mit tiefen Weltmarktpreisen, welche die Erlöse der Molkereien drücken und dadurch die Preissignale für eine Produktionsreduktion bei den Bauern abschwächen.
Forschungsinstitutionen wie Agroscope und FiBL bestätigen: Wenn alle versuchen, mehr zu produzieren, um ihre Fixkosten zu decken, entsteht die sogenannte «Tragik der Allmende». Das bedeutet: Was für den einzelnen Betrieb rational erscheint, schadet am Ende allen. Der Agrarbericht des BLW 2025 zeigt zudem: Die Gesamtmilchmenge bleibt mit rund 3,3 Millionen Tonnen stabil, konzentriert sich aber zunehmend auf grössere Betriebe – im Schnitt plus 192 Tonnen Milch pro Betrieb. Einige politische Vorschläge greifen aus Sicht von Vision Landwirtschaft zu kurz. Importverbote oder die Idee, überschüssige Milch als Entwicklungshilfe zu exportieren, lösen das Grundproblem nicht. Humanitäre Hilfe darf kein Ventil für Überproduktion sein.
Was Vision Landwirtschaft fordert
Aus Sicht von Vision Landwirtschaft braucht es marktwirksame Regeln, statt immer mehr Milch zu subventionieren:
- Beiträge neu ausrichten
Staatliche Gelder sollen nicht Wachstum belohnen, sondern ökologische Effizienz: viel Weidegang, robuste Rassen, weniger Abhängigkeit von Kraftfutter. - Flexiblere Lieferverträge
Bauern und Molkereien sollen schneller auf Marktsignale reagieren können – mit kürzeren Kündigungsfristen und klaren Mengenregelungen. - Qualität statt Masse
Weniger Billigmilch, dafür mehr hochwertige Weidemilch, die einen besseren Preis erzielt. - Investitionen in Stallbauten überdenken
Staatliche Kredite sollen nur vergeben werden, wenn Bauvorhaben nicht in die Schuldenfalle führen.
Weiterführende Medien-Beiträge:
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Rebecca Knoth-Letsch
Geschäftsführerin
Die Landwirtschaft ermöglicht uns ein gutes Leben, indem sie Nahrungsmittel produziert. Gleichzeitig trägt sie eine grosse Verantwortung für unsere Lebensgrundlagen.