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NEWSLETTER / NEWSLETTER 28.12. 2020

Agrarpolitik: Die Keime des Systemwechsels fördern

Agrarpolitik: Die Keime des Systemwechsels fördern

Ganze Wirtschaftssysteme werden derzeit in atemberaubendem Tempo umgekrempelt. Der Finanzsektor, die Autoindustrie, die Energiewirtschaft, alle stehen mitten in einem fundamentalen Umbruch, der sie um fünf vor zwölf aus einer selbstzerstörerischen Dynamik hinausführen soll. Nur in der Land- und Ernährungswirtschaft geben bis heute die Kräfte den Ton an, die einen Wandel unter allen Umständen verhindern wollen. Mit grosser Hartnäckigkeit verkaufen sie Kosmetik als Lösung. Doch hinter den Kulissen ist ein ebenso grundlegender Wandel hin zu einem neuen Land- und Ernährungssystem im Gange. Mit einer Serie von Newslettern wollen wir ihn besser sichtbar machen, in den grossen Kontext einordnen und mithelfen, ihm so die für den Wandel nötige Kraft zu verleihen.

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(VL) Im Diskussionsforum einer internationalen Konferenz zur Zukunft des landwirtschaftlichen Pestizideinsatzes sagte eine Wissenschaftshistorikerin, die über die Agrargeschichte in Deutschland forscht: «Ich staune, wie in der Landwirtschaft noch die genau gleichen Fragen und Probleme debattiert werden wie vor 30 Jahren.» Genau dasselbe kann auch über die Schweizer Landwirtschaft gesagt werden. Pestizide, Biodiversität, Nährstoffüberschüsse, abnehmende Bodenfruchtbarkeit, Klimagasemissionen, negative Energieeffizienz, Gewässerverschmutzung etc. etc. Alle diese existenziellen Baustellen sind jahrzehntealt, ohne dass wesentliche Fortschritte erzielt werden konnten, nicht selten im Gegenteil. Die konventionelle Landwirtschaft zerstört in atemberaubendem Ausmass die eigenen Lebensgrundlagen, und dies mithilfe von Milliarden an staatlichen Beihilfen.

Viele Wirtschaftsbereiche haben den hochgradigen Handlungsbedarf erkannt - oder wurden von der Politik dazu gezwungen. Sie befinden sich in einem ebenso tiefgreifenden wie unglaublich raschen Wandel. Die Autoindustrie investiert Milliarden in die Ablösung des Verbrennungsmotors, der bis vor wenigen Jahren während rund eines Jahrhunderts den Strassenverkehr scheinbar alternativlos beherrscht hat. Ebenso grundlegend ist der Wandel im Energiesektor, wo ganz Verbrauchergruppen aufgrund von Effizienzgewinnen weitgehend wegbrechen und Sonne/Wind plötzlich günstiger werden als die «alten» umwelt- und klimazerstörerischen Energiequellen, die noch vor kurzem absolut unverzichtbar erschienen. Der Kontrast zur Landwirtschaft könnte deutlicher nicht sein. 

Landwirtschaft: Kosmetik wird noch immer als Lösung verkauft

Statt quasi den «Verbrennungsmotor» zu ersetzen, wird noch immer mit riesigen Investitionen daran geforscht, den gleichen «Motor» effizienter und besser zu machen. Die Traktoren werden jedes Jahr noch etwas stärker, damit sie ihr schweres Gerät weiterhin durch die immer stärker verdichteten Böden ziehen können. Laufend hält noch mehr Technik Einzug in die bereits heute weitgehend industrialisierte bäuerliche Tätigkeit und vergrössert ihre Abhängigkeit von der Industrie noch mehr. Selbst in den letzten Winkeln der Alpentäler ersetzen heute dröhnende Laubbläser die Handrechen, Helikopter die Heutransportbähnchen, Roboter die bescheidenen Melkmaschinen. Die Pestizide sollen dank Robotertechnik «noch gezielter» eingesetzt und «ihr Risiko weiter minimiert» werden. Dieser jahrzehntealte Spruch der Agrochemie hat sogar Eingang gefunden in den «Aktionsplan Pflanzenschutzmittel» des Bundes und prägt noch immer jede parlamentarische Debatte zur «Lösung» des Pestizidproblems.

Die Probleme werden nicht geringer wenn wir sie mit denjenigen Mitteln zu lösen versuchen, die sie verursacht haben. Die Kosten für diese Lösungsansätze steigen laufend, die Erlöse aus der Produktion sinken entsprechend. Die Rechnung bezahlen die Bäuerinnen und Bauern, die sich im Hamsterrad des «Fortschrittes» fangen liessen. Viele Höfe lassen sich in die Schuldenfalle treiben. Nirgends ist die Verschuldung der Landwirtschaft höher als in der Schweiz. In die Bresche springt der Staat, der das System mit Zahlungen in Milliardenhöhe am Leben erhält, während die Umweltdefizite und die Schulden laufend weiter zunehmen.

Kontrast Energieumbau

Hinter dieser eigentlich grotesken Entwicklung in der Landwirtschaft steht ein Narrativ, das bis heute tief in allen Köpfen verankert ist und das von der Agroindustrie mit grossem Aufwand weiter gepflegt wird. Denn sie verdient daran enorm viel Geld. Allein in einem kleinen Land wie der Schweiz entzieht sie den Bauernhöfen jährlich über ein halbes Dutzend Milliarden Franken.

Wie andere Branchen das alte Wachstumsparadigma erfolgreich überwunden haben zeigt ein Blick in die Energiewirtschaft. Stellen Sie sich vor, die Energiekonzerne würden bei jeder sich bietenden Gelegenheit warnen, dass der Menschheit in Zukunft wesentlich mehr Energie zur Verfügung stehen müsse, da sie weiter stark wachse und ihr Energiebedarf deshalb stark zunehmen würde. Es müsse deshalb mehr Erdöl gefördert, mehr Atomstrom produziert und auch die letzten Wasserkraftreserven noch genutzt werden – natürlich alles möglichst schonend, mit modernster Technik und nachhaltig. Und natürlich mit Ergänzung erneuerbarer Energien, die aber angesichts des Bedarfs aber leider nur Nische bleiben könnten.

Eine solche Denkweise - noch vor wenigen Jahren unhinterfragter Standard – würde heute kaum mehr ein Politiker zu vertreten wagen, der ernst genommen werden will.

Alte Denkmuster blockieren Wandel

Es ist längst im allgemeinen Bewusstsein angekommen, dass wir trotz stark zunehmender Bevölkerung in der Schweiz nicht zusätzliche Energiequellen benötigen. Sondern dass die Energiesparmöglichkeiten viel grösser sind als der Bevölkerungszuwachs, und dass wir den verbleibenden Bedarf so rasch als möglich aus nachhaltigen Quellen beziehen müssen, die quasi vor der Haustüre liegen und die völlig anders funktionieren als das alte Energieversorgungssystem. Dieser Paradigmenwechsel ist längst in der Realität angekommen. Denken wir nur an den Beleuchtungssektor, wo heute bei gleichem Komfort und höherem Bedarf an Licht 80% der früher benötigten elektrischen Energie eingespart werden kann dank dem Ersatz der Glühbirne durch die LED-Technik. Oder denken wir an den Gebäudesektor, wo heute moderne Bauten nicht mehr nur viel weniger Energie verbrauchen, sondern bei Ausschöpfung aller Möglichkeiten unter dem Strich sogar Energie produzieren. Damit wird das bisherige Denken auf den Kopf gestellt und hat einer neuen Realität Platz gemacht.

Noch tief im alten Narrativen verhaftet

In der der Land- und Ernährungswirtschaft dagegen wird das uralte, sachlich längst überholte Narrativ weiterhin bei jeder sich bietenden Gelegenheit von Landwirtschaftsvertretern in die Medien, die Politik und die öffentliche Debatte gedrückt. Die Menschheit wächst, darum brauchen wir dringend mehr Nahrungsmittel. Agrarkonzerne und die tonangebenden PolitikerInnen tragen diese längst überholte Mär des weltweit steigenden Nahrungsmittelbedarfs unhinterfragt in die politischen Debatten, die Medien, in unzählige wissenschaftliche Forschungsprojekte und selbst in die Schulstuben hinein: Die Menschheit sei gezwungen, auf den verfügbaren Flächen noch mehr aus den Böden und den Tieren herauspressen – deshalb brauche es noch mehr und noch bessere Technik, Hilfsstoffe, Roboter, Drohnen...

Noch immer werden enorme private und staatliche Mittel dafür verschwendet, das alte Narrativ weiter zu bewirtschaften. Für die Entwicklung der Land- und Ernährungswirtschaft wirkt sich die Weigerung des Neudenkens katastrophal aus. Mit Dutzenden Millionen an Staatsgeldern werden Forschungsprojekte finanziert, die in den alten Netzwerken und Paradigmen verhaftet sind, oft verbandelt mit der Industrie und den Profiteuren des alten Systems. Sie haben keinerlei Interesse, den unumgänglichen Wandel herbeizuführen.

Systemwechsel braucht Vielfalt der Lösungen

Das ist umso fataler, als das Wissen, wie ein Systemwechsel gelingen könnte, genauso wie im Energiesektor eigentlich längst weitgehend vorhanden ist. Genauso, wie der Systemwechsel in der Energiewirtschaft nicht einfach Solarpannels sind, ist der Systemwechsel in der Landwirtschaft nicht einfach Bio. Bio ist ein Label, ein gutes Label. Aber kein Systemwechsel wird von nur einer Marke, einem Konzept allein bewerkstelligt. Die Solarbranche war enorm wichtig für den Umbau des Energiesystems, Tesla war enorm wichtig für den Umbau in der Autobranche – aber die Zukunft der Energieversorgung heisst nicht einfach Solar und die Zukunft der Automobilität nicht einfach Tesla, und die Zukunft der Landwirtschaft ist kein Bioland. Es braucht eine Vielfalt an Lösungen, die insgesamt den Systemwechsel ermöglichen und die alle an ihrem Ort ihren Beitrag leisten.

Dabei sei mit aller Deutlichkeit darauf hingewiesen: Bio hat enorm viel zum aufkeimenden Systemwechsel beigetragen. Bio ist quasi der Tesla der Landwirtschaft. Viele andere Ansätze, die teilweise deutlich über die Bio-Anforderungen hinausgehen und weitere grundlegende Verbesserungen mit dem «über den Tellerrand hinaussehen» bringen, bleiben derzeit aber weitgehend unter dem Radar. Dahinter steckt oft (das) System. Grossverteiler und selbst etablierte Nachhaltigkeitslabels haben kein Interesse, Konkurrenz aufkommen zu lassen. Sie haben sich bequem im System eingerichtet. All die neuen Ansätze werden in den Agrarmedien meist in die Kuschelecke gestellt mit der Standardbehauptung: «Interessante Nische, aber um die Massen zu ernähren untauglich». Gegen die SRF-Sendung «Netz Natur», welche zukunftsweisende Landwirtschaftsmethoden vor wenigen Wochen in einem ausgezeichneten Beitrag portraitierte, gehen die etablierten Agrarkreise über den Schweizer Bauernverband nun sogar mit einer Klage vor. So weit haben wir es in der Landwirtschaft gebracht: Wer weiterdenkt, wird von der tonangebenden Lobby sofort zurückgebunden, lächerlich gemacht oder gar eingeklagt.

Aber so ungewöhnlich ist das nicht. Genau so wurden die ersten Elektropioniere in der Autobranche damals lächerlich gemacht, verhöhnt, ausgebremst. Heute geben sie den Ton an. Ihre Investitionen führten sie mithilfe staatlicher Vorgaben aus der Nische heraus und ermöglichten den Systemwechsel.

Die Lösungen sichtbar machen

Die oft noch unsichtbaren Nischenpioniere möchten wir mit unserer Arbeit unterstützen und fördern. Manchmal sind es erstaunlich einfache, sowohl wirtschaftlich wie ökologisch äusserst effektive Handlungsansätze, die aber gerade deshalb enorm viel Potenzial aufweisen, weil sie aus den gängigen Denkschemen fallen. Die oft unspektakulär scheinenden «Nischenlösungen», die letztlich den Systemwandel erst ermöglichen werden, werden wir in einer Serie von Beiträgen vorstellen und damit aufzeigen, welche Vielfalt an Lösungen bereits vorliegen und wie sie zusammenwirken können, um den Systemwechsel zu schaffen. Wir haben gar keine andere Wahl. Und es ist (fast) alles parat. Packen wir’s jetzt an!

 

Kästchen: Ihre vier persönlichen Beiträge, die für die Landwirtschaft der Zukunft den Unterschied ausmachen.

  • Reduzieren Sie den Fleischkonsum auf 200-300 Gramm pro Woche und Person!
  • Kaufen Sie lokal produzierte Produkte ein. z.B. Bio- und IP-Suisse-Produkte. Achten Sie darauf, dass diese ohne Pestizide und ohne importierte Futtermittel produziert worden sind.
  • Reduzieren Sie den Food Waste. 50% der produzierten Nahrungsmittel werden weggeworfen, davon über die Hälfte im Haushalt. Das ist eine enorme Verschwendung, die wir selber ändern können – und dabei erst noch das Portemonnaie schonen. 
  • Unterstützen Sie die Trinkwasser- und die Pestizidinitiative. Diese beiden Volksinitiativen werden die Politik zwingen, erste entscheidende Schritte hin zum dringend nötigen Systemwandel einzuleiten. Nicht umsonst werden sie von der Agrarlobby mit allen Mitteln bekämpft.