Brauchen wir noch eine Schweizer Landwirtschaft?
Brauchen wir dazu den Staat?
Warum «bäuerliche Landwirtschaft»?

Brauchen wir noch eine Schweizer Landwirtschaft?
Wäre die Schweizer Landwirtschaft lediglich ein Teil
der Wirtschaft, wäre sie heute kaum mehr der Rede wert. Noch ganze
3,5% der Bevölkerung sind in der Landwirtschaft beschäftigt,
und gemessen am Bruttoinlandprodukt tritt sie mit einem Anteil von einem
halben Prozent gar kaum mehr in Erscheinung. Die Lebensmittel sind so
vielfältig und so billig wie noch nie, der Lebensmittelmarkt weltweit
vernetzt, Ernährungssicherheit oder gar Mangel seit Jahrzehnten
bei uns kein Thema mehr.
Dennoch gehört die Agrarpolitik in der Schweiz zu den am meisten
diskutierten Politikbereichen. Ganze 8% des Bundeshaushaltes werden für
die Landwirtschaft aufgewendet – mehr als für die Bildung,
und weit mehr als für jeden anderen Wirtschaftszweig ausserhalb des
Service public. Aus wirtschaftlicher Perspektive ein Anachronismus.
Aber die wirtschaftliche Perspektive allein wird der Landwirtschaft
in unserem Land offenbar nicht gerecht. Landwirtschaft ist weit mehr
als ein Wirtschaftszweig, der Nahrungsmittel produziert:
- Die Bauernfamilien stellen nach wie vor unsere Ernährungsbasis
sicher. Gerade weil die Schweiz 40% ihrer Lebensmittel importiert,
sind die 60% hier produzierten von besonderer Bedeutung. Nicht nur
quantitativ, auch qualitativ: Unsere Bäuerinnen und Bauern bringen
Lebensmittel auf den Markt, von denen wir wissen, woher sie kommen
und wie sie produziert werden. Der quantitative wie qualitative Aspekt
der einheimischen Landwirtschaft ist und wird immer mehr für
die Lebensqualität und Sicherheit in unser Land von grosser Bedeutung
sein.
- Die Landwirtschaft prägt und gestaltet unsere Umwelt wie keine
andere Branche. Über die Hälfte des nutzbaren Bodens der
Schweiz wird von Bauern und Bäuerinnen bewirtschaftet und gestaltet.
Was die Landwirtschaft tut, hat deshalb weitreichende Konsequenzen
für Umwelt, Natur und Landschaft.
- Die Landwirtschaft ist auch Agri-Kultur. Für die Identifikation
der Schweiz und ihrer Bewohner mit ihrem Land ist die bäuerliche
Landwirtschaft nach wie vor zentral und bewusst oder unbewusst wichtiger
Bestandteil der Heimatverbundenheit. Die kulturell-gesellschaftliche
Bedeutung der Landwirtschaft nimmt vermutlich parallel zur Abnahme
der landwirtschaftlichen Bevölkerung sogar noch zu.
- Aber auch für die Identifikation, mit der die Schweiz im Ausland
verbunden ist, spielt die Landwirtschaft oder vielmehr ihr Mythos
eine wichtige Rolle. Kühe, Alphörner, Heidi, Edelweiss sind
international höchst wirksame Markenzeichen der Schweiz. Sie
verweisen ganz direkt auf unsere Landwirtschaft – nicht im Sinne
von Nahrungsmittelproduktion, sondern als Bild, als Kultur, als Lebensform,
als Markenzeichen. Der wirtschaftliche «Nutzen», welche
damit die Landwirtschaft für andere Branchen – den Tourismus
wohl an erster Stelle, aber darüber hinaus generell für
die Marke Schweiz in der Welt – erbringt, lässt sich nur
schwer in Zahlen fassen, wiegt aber zweifellos ein Vielfaches von
dem, was die Landwirtschaft an ökonomischer Wertschöpfung
durch die Nahrungsmittelproduktion erbringt.

Brauchen wir für die Schweizer Landwirtschaft
den Staat?
Weil Landwirtschaft von so vielfältigem, allgemeinem
Interesse ist, weil Landwirtschaft die Landschaft, die wohl allerwichtigste
Ressource unseres Landes, als Gemeingut nutzt und gestaltet, ist es
nichts als richtig, dass der Staat die Landwirtschaft unterstützt
für ihre Leistungen, die sie dort erbringt und die nicht über
den Markt abgegolten werden können. Entscheidend aber ist, dass
auch der Staat klare Ziele und Bedingungen setzt.
Wenn die Allgemeinen Direktzahlungen und weitere, bisher nicht an Leistungen
gebundene Zahlungen wegfallen, dafür konkrete Leistungen gezielter,
umfassender und besser entschädigt werden sollen, wird es umso
wichtiger, genau zu definieren, was als Leistung gilt, was sie kostet,
wie sie abgegolten werden soll, und wie viel sie der Gesellschaft wert
ist. Die unumgängliche politische, gesellschaftliche und auch wissenschaftliche
Diskussion ist erst in Ansätzen geführt worden. Klare Ziele,
welche die pauschalen Verfassungsziele konkretisieren, fehlen weitgehend.
Vision Landwirtschaft will die Diskussion ohne falsche Rücksicht
auf Mythen und Interesseverflechtungen beleben und Wege zur Wende
sichtbar machen.
Warum «bäuerliche Landwirtschaft»?
Eine industrielle Landwirtschaft braucht den Staat nicht
- oder nicht mehr als jede andere Industrie. Vision Landwirtschaft
setzt sich dagegen für eine bäuerliche Landwirtschaft
ein. In ihr liegt das Potenzial, die Qualität und Stärke der
Schweizer Landwirtschaft. Sie ist schon in sich multifunktional und
im Grunde auch nachhaltig. Das Bäuerliche in der Landwirtschaft
macht es aus, dass es in der Schweiz überhaupt noch mehr als 1000
Bauern gibt. Was ist bäuerliche Landwirtschaft?
Das Bäuerliche in der Landwirtschaft ist für Vision
Landwirtschaft ein zentraler Inhalt. Die bäuerliche Landwirtschaft
ist nicht an eine minimale oder maximale Betriebsgrösse gebunden.
Sie kann auch nicht durch bestimmte Produktionsformen charakterisiert
werden, denn sie produziert konventionell, integriert oder Bio, sie
produziert für den «Massenmarkt» ebenso wie sie Spezialitäten
und Nischenprodukte produzieren kann.
Das Bäuerliche in der Landwirtschaft ist das Persönliche,
das auf einem Landwirtschaftsbetrieb die Substanz ausmacht. Menschen,
die für die Landwirtschaft und ihre Betrieb leben, sich mit ihm
und der Landschaft identifizieren. In der Regel sind es Familienbetriebe,
aber nicht nur. Im Unterschied zu industriellen Betrieben sind sie nicht
primär auf Rendite aus, sondern auf Lebensqualität
- so verschieden diese definiert werden kann und auch definiert wird.
Die persönliche Lebensqualität in der landwirtschaftlichen
Berufung kann darin bestehen, dass ich auf dem Bauernhof mein eigener
«Herr und Meister» bin. Dass ich ganz am Puls der Natur
arbeite. Dass ich mit Tieren oder grossen Maschinen umgehen kann. Dass
ich Nahrungsmittel produzieren oder Landschaft gestalten kann. Dass
der eigene Hof der Familie ein lebenswertes Umfeld schafft. Dass der
Hof an die nächste Generation weitergegeben werden kann.
Dass man vom Hof auch leben kann, ist - zumindest für Haupt- und
Nebenerwerbsbetriebe - Grundbedingung, aber nicht Motiv und nicht primäres
Ziel. Diese im sonstigen Wirtschaftsleben nicht mehr üblichen Werte
zeigen sich in der Landwirtschaft darin, dass es überhaupt noch
Bauern gibt - obwohl viele Bauern in anderen Berufen mit viel weniger
Arbeitszeit deutlich mehr verdienen könnten.
Das Bäuerliche in der Landwirtschaft ist im Grunde auch Nachhaltigkeit:
- Wo Identifikation da ist, ist auch das Interesse und der Wille da,
was man selber aufgebaut und über viele Jahre gepflegt und genutzt
hat, in gutem Zustand in gute Hände weiterzugeben.
- Zum Bäuerlichen gehört das Bewusstsein, dass die Landwirtschaft
die Landschaft als öffentliches Gut nutzt, d.h. Lebensqualität
für viele andere Menschen und Tausende von Tieren und Pflanzen
auf dem Hof schafft - oder auch zerstören kann. Lebensqualität
in der Landwirtschaft kann deshalb kein rein persönlicher, beliebiger
Begriff sein, sondern ist grundsätzlich auf ein übergeordnetes
Ganzes von Natur und Gesellschaft ausgerichtet.
Letztlich geht es Vision Landwirtschaft
um die Stärkung und Ausdifferenzierung des Bäuerlichen in
der Landwirtschaft. Agrarpolitik, Direktzahlungen, Konzepte der Multifunktionalität,
Kriterien der Nachhaltigkeit: All dies sind Instrumente, die unter den
heutigen Rahmenbedingungen - und viellecht nur vorübergehend -
in der Schweiz nötig sind für eine Zukunft einer bäuerlichen
= nachhaltigen Landwirtschaft.