Die Schweizer Landwirtschaft und ihre Politik pflegt viele Mythen und Legenden.
Einige wollen wir hier zur Sprache bringen, mit regelmässig wechselndem
Fokus. Schreiben
Sie uns, wenn Sie auf Mythen aufmerksam geworden sind und sie zur
Sprache bringen möchten!

«Die Umweltauflagen der Schweizer Landwirtschaft sind viel höher als im Ausland»

Im Vergleich beispielsweise mit unsere Nachbarländern ist, wie
eine Studie zum Gewässerschutz zeigt, das Gegenteil der Fall.
- Die maximal erlaubte Menge Stickstoff, die mit Hofdüngern ausgebracht werden darf, liegt in der Schweiz 1.5-mal über den Grenzwerten von Österreich und Deutschland.
- Mindestabstände für Düngerausbringung entlang Gewässern
beträgt in der Schweiz 3 m, in Österreich mindestens 10-20
m.
- Die Grundwasserschutzzonen in der Schweiz sind deutlich kleiner als in Deutschland und Österreich.
- In der Schweiz sind wesentlich mehr Pflanzenschutzmittel zugelassen als in der EU.
- In Deutschland und Österreich ist die doppelte Lagerdauer von Gülle vorgeschrieben wie in der Schweiz.
- Der Vollzug der bestehenden Anforderungen wird in der Schweiz generell deutlich larger gehandhabt als in der EU.
Fazit: «Im Gewässerschutz sind die EU- bzw. die EU-Ländervorschriften fast überall strenger bis viel strenger.»
Quelle: BLW & BAFU 2006: Gewässerschutzbestimmungen
in der Landwirtschaft – ein internationaler Vergleich (EU, D,
A).

Ein anderes Beispiel sind die Biorichtlinien. Für Bioprodukte, welche Schweizer Höfe nach den USA exportieren, müssen teilweise massiv strengere Anforderungen eingehalten werden als sie in der Schweiz gelten.

«Die Schweizer Agrarpolitik fördert den Strukturwandel»

Unter Strukturwandel wird landläufig der Rückgang
der Anzahl Bauernhöfe bezeichnet und ein damit einhergehendes Wachstum
der einzelnen Betriebe. Der Strukturwandel war in vielen Industrieländern
viel stärker als in der Schweiz. Deshalb haben wir bis heute eine
verhältnismässig kleinstrukturierte Landwirtschaft in unserem
Land. Doch auch in der Schweiz geben jeden Tag 5-10 Bauern ihren Betrieb
auf.
Ob der Strukturwandel gut oder schlecht ist, darüber gehen die
Meinungen weit auseinander, auch innerhalb der Landwirtschaft. Die treibende
Kraft hinter dem Strukturwandel wird in aller Regel der Agrarpolitik
und den schlechten Bedingungen in der Landwirtschaft zugeschrieben.
Weit gefehlt. Für jeden der wenigen Bauernhöfe, die gepachtet
oder gekauft werden können, melden sich Dutzende, ja Hunderte von
Bewerbern, die derzeit in anderen Berufen tätig sind, sein müssen,
weil sie keinen eigenen Betrieb haben. Ein Andrang herrscht sogar bei
kleinen, abgelegenen Heimetli. Warum klaffen Angebot und Nachfrage derart
auseinander? Warum geht die Anzahl Bauernhöfe laufend zurück
trotz ihrer hohen Attraktivität? Weil die Besitzer von Höfen,
die keine familieninterne NachfolgerIn haben, den Hof nicht verpachten
oder verkaufen wollen. Denn sie möchten ihren Hof als Wohnraum
weiter nutzen und verpachten deshalb lediglich das Land – an die
Nachbarhöfe. Die Bauernhöfe «sterben»
also nicht mangels Attraktivität oder durch wirtschaftlichen Druck
auf die Landwirtschaft aus, wie immer wieder behauptet wird, sondern
der Strukturwandel ist ein typisches Problem mangelnder Nachfolgeregelung,
wie es für viele andere KMU derzeit auch diskutiert wird. Einziger
Unterschied: Es besteht kein freier Markt, denn es können keine
neue Bauernhöfe erstellt werden.

«Die Allgemeinen Direktzahlungen braucht
es für die Sicherstellung einer flächendeckenden Bewirtschaftung»

So lautet die hauptsächliche Begründung für
die Allgemeinen Direktzahlungen, den allergrössten Teil der Direktzahlungen
also. Nur: «Zumindest in der Talregion wäre eine flächendeckende
Bewirtschaftung auch ohne Allgemeine Direktzahlungen gewährleistet.»
(Mann und Mack 2004)
Im Berggebiet können die Pauschalzahlungen die Schere zwischen
Intensivierung und Nutzungsaufgabe nicht schliessen, sondern fördern
sie teilweise durch falsche Anreize (Stöcklin et al. 2007). Intensivierung
wie Nutzungsaufgabe gehören aber zu den wichtigsten Faktoren für
den Artenrückgang im Berggebiet.

Fazit: Die jährlich 2 Milliarden Franken Allgemeinen Direktzahlungen verfehlen also ihr wichtigstes Ziel oder sind dafür gar nicht nötig.

«Die Bauern brauchen ein sicheres Einkommen»

Niemandem käme es heute in den Sinn, über eine staatliche
Einkommenssicherung z.B. für Gärtner oder Detailhandelsangestellten
nachzudenken. Die staatliche Einkommenssicherung der Landwirte dagegen
ist gar in der Verfassung verankert – ein Teil des Mythos Landwirtschaft,
die zweifellos in Zukunft einiges zu reden geben wird. Noch heute ist
die Einkommenssicherung eine der wichtigsten Begründungen für
einen grossen Teil der Direktzahlungen. Doch Bauern sind keine Sozialhilfeempfänger,
die Einkommensergänzungen nötig haben, sondern Unternehmer
und Teil unserer Wirtschaft.